Grundlagen und Vorteile barrierefreier Websites: Ein Überblick für mehr Inklusivität im Web

Die Realisierung von Barrierefreiheit auf Websites ist weit mehr als nur eine ethische Pflicht – es ist ein entscheidender Schritt für ein inklusiveres Internet. Indem Sie Ihre Website zugänglich für alle Nutzer gestalten, ebnen Sie nicht nur den Weg für mehr Gleichberechtigung in der digitalen Welt, sondern erschließen gleichzeitig völlig neue Zielgruppen. Von Menschen mit Behinderungen über ältere Nutzer bis hin zu temporär eingeschränkten Personen – eine barrierefreie Website öffnet Ihnen die Tür zu einem deutlich breiteren Publikum.

Verfasst von

Jan-Hinrich Fehlis

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Ein junger Mann mit Down-Syndrom und eine weitere Person arbeiten gemeinsam an einem Laptop und konzentrieren sich auf den Bildschirm, um ein integratives Arbeitsumfeld zu schaffen.

In den folgenden Abschnitten geben wir Ihnen praktische Tipps an die Hand, wie Sie Barrierefreiheit auf Ihrer Website umsetzen können. Darüber hinaus erläutern wir, warum die Berücksichtigung von Inklusion nicht nur ethisch geboten, sondern auch aus geschäftlicher Sicht der klügere Weg ist.

Grundlagen der Barrierefreiheit

Klare und leicht verständliche Inhalte

Klare und einfach verständliche Inhalte sind die Basis für Barrierefreiheit. Verzichten Sie daher auf unnötig komplexe Formulierungen und Fachbegriffe. Nur so stellen Sie sicher, dass Ihre Kernbotschaften wirklich jeden Leser erreichen.

Beispiel: Statt Formulierungen wie „Den Erwerb des Produkts tätigen“ empfiehlt es sich, die direktere Variante „Produkt kaufen“ zu wählen.

Leichte Sprache für größtmögliche Verständlichkeit

Während klare und einfache Formulierungen bereits ein guter Anfang sind, geht Leichte Sprache noch einen entscheidenden Schritt weiter für Menschen mit Lese- oder Verständnisschwierigkeiten. Durch den Einsatz von möglichst einfachen Wörtern, sehr kurzen Sätzen und einer besonders strukturierten Texterklärung wird die Verständlichkeit auf ein Maximum gesteigert.

Beispiel: Anstelle von „Dies ist ein obligatorisches Feld“ wird in Leichter Sprache formuliert: „Hier muss etwas eingetragen werden.“

Mit Leichter Sprache erreichen Sie die größtmögliche Barrierefreiheit und Inklusion für Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Lernschwierigkeiten.

Aussagekräftige Alternativtexte für Barrierefreiheit

Eine wichtige Säule der Barrierefreiheit sind aussagekräftige Alternativtexte für alle Bildelemente auf Ihrer Website. Diese ausführlichen Beschreibungen des Bildinhalts ermöglichen es Menschen mit Sehbehinderungen, den visuellen Kontext der Bilder zu erfassen und zu verstehen. Verzichten Sie keinesfalls auf diese hilfreichen Textalternativen. Barrierefreiheit sollte immer an erster Stelle stehen.

Zuerst möchten wir aber mit einem verbreiteten Missverständnis aufräumen: Der Alt-Tag ist nicht primär für SEO-Zwecke gedacht, sondern für Barrierefreiheit. Der SEO-Effekt ist lediglich ein positiver Nebeneffekt. Die eigentliche Aufgabe von Alt-Texten ist es, Ihre Website für alle zugänglich zu machen, unabhängig von eventuellen Einschränkungen. Halten Sie diesen Gedanken immer im Hinterkopf, wenn Sie Alt-Texte verfassen.

Allerdings haben gut geschriebene Alt-Texte auch einen positiven Effekt auf Ihr Suchmaschinenranking. Suchmaschinen können Bilder nicht „sehen“, sondern verlassen sich auf Alt-Texte, um deren Inhalt zu verstehen. Aussagekräftige Alt-Texte helfen Suchmaschinen dabei, die Relevanz von Bildern für bestimmte Suchbegriffe zu bewerten. Das kann dazu beitragen, dass Ihre Bilder und Seiten für passende Suchanfragen besser gefunden werden.

Beispiel: Statt „Zwei Personen vor einem Computer“ wäre ein treffender Alternativtext: „Ein junger Mann mit Behinderung und eine weitere Person arbeiten gemeinsam an einem Laptop und konzentrieren sich auf den Bildschirm, um ein integratives Arbeitsumfeld zu schaffen.“

Durch detaillierte, präzise und beschreibende Alternativtexte sorgen Sie für eine hohe Zugänglichkeit und Barrierefreiheit Ihrer visuellen Inhalte für sehbehinderte Website-Besucher. Sie ermöglichen ihnen eine gleichberechtigte Nutzung Ihrer Website und zeigen Ihr Engagement für Inklusion und Gleichstellung. Gleichzeitig verbessern aussagekräftige Alt-Texte auch die allgemeine User Experience und Suchmaschinenfreundlichkeit Ihrer Seite. Es lohnt sich also in jeder Hinsicht, bei der Formulierung von Alt-Texten Sorgfalt walten zu lassen.

Barrierefreie Tastatursteuerung

Eine vollständige Bedienbarkeit über die Tastatur ist zentral für die Barrierefreiheit Ihrer Website – sowohl für Menschen mit motorischen Einschränkungen als auch für blinde Nutzer, die auf Tastatur und Sprachausgabe angewiesen sind. Interaktive Elemente müssen in logischer Reihenfolge durch Tabben erreichbar sein. Zudem sind klar erkennbare visuelle Fokusindikatoren unabdingbar für Nutzer mit Sehbehinderungen.

Beispiel: Blinde Nutzer können durch konsequentes Tabben den kompletten Inhalt durchlaufen und Aktionen auslösen. Ein Rahmen oder Farbwechsel signalisiert sehbehinderten Nutzern, welches Element aktuell den Fokus hat.

Eine durchgängige, logische Tastatursteuerung in Kombination mit visuellen Fokusanzeigen ist unerlässlich für eine barrierefreie und inklusive User Experience für alle Nutzergruppen.

Überlegter Einsatz von Farben und Kontrasten

Bei der Farbgestaltung Ihrer Website müssen Sie die Bedürfnisse von Menschen mit Farbsehschwächen oder -blindheit berücksichtigen. Vermeiden Sie problematische Farbkombinationen wie Rot-Grün, die für diese Nutzergruppe nur schwer zu differenzieren sind. Setzen Sie stattdessen auf kontrastreiche und gut lesbare Farben für Ihre Textinhalte.

Beispiel: Sehr gut wahrnehmbar und barrierefrei sind hohe Kontraste wie schwarz auf weiß, Dunkelblau auf Hellgrau oder umgekehrt. So können alle Nutzer Ihre Inhalte mühelos erfassen.

Nur durch eine durchdachte Farbwahl und eine sorgfältige Ausgestaltung der Kontraste auf Ihrer Website erzielen Sie die notwendige Barrierefreiheit für Nutzer mit Seheinschränkungen.

Farbunabhängige Informationsvermittlung

Essenziell für eine hohe Barrierefreiheit ist, dass keine wichtigen Informationen ausschließlich über Farben vermittelt werden. Dies betrifft sowohl Grafiken und Visualisierungen als auch sämtliche User Interface (UI) Elemente auf Ihrer Website. Stattdessen sollten Sie Textbeschreibungen, Symbole oder Muster einsetzen, damit alle Nutzer – unabhängig von einer Farbsehschwäche – die Inhalte korrekt erfassen können.

Für Grafiken: Beispiel: Wenn Sie in einer Grafik Informationen durch verschiedene Farben darstellen, ergänzen Sie aussagekräftige Textbeschriftungen oder Symbole. So vermitteln Sie denselben Informationsgehalt auch farbunabhängig.

Für UI-Elemente: Beispiel: Anstatt Pflichtfelder in Formularen nur farblich zu kennzeichnen, setzen Sie ein (*) Sternchen oder den Hinweis „Pflichtfeld“ neben die Feldbezeichnung. Besser noch: Vermeiden Sie optionale Felder ganz und erhöhen somit die Klarheit der Nutzerführung.

Nur wenn Informationen farbunabhängig und redundant vermittelt werden, sind Ihre Inhalte wirklich barrierefrei für alle Nutzer zugänglich – inklusive jener mit Farbsehschwächen.

Die Vorteile der Barrierefreiheit

Größere Zielgruppenreichweite durch Inklusion

Eine barrierefreie Website erschließt Ihnen den Zugang zu einem riesigen Kundenpotenzial – denn sie spricht nicht nur Menschen mit Behinderungen und die ältere Generation an, sondern alle Nutzer unabhängig von temporären oder situativen Einschränkungen.

Erweiterte Reichweite durch Barrierefreiheit

Beispiel: Ein inklusiver Online-Shop öffnet sich einer enormen Zielgruppenvielfalt – von Menschen mit Behinderungen und der älteren Generation über Nutzer mit temporären Einschränkungen wie einer Armverletzung bis hin zu Eltern, die nebenbei auf Kinder aufpassen müssen. Durch die konsequente Berücksichtigung der Barrierefreiheit erreichen Sie wirklich alle potenziellen Kundengruppen und steigern so nachhaltig Reichweite und Kundenbindung.

Barrierefreiheit ist der Schlüssel, um wirklich alle potenziellen Nutzer anzusprechen, einzubinden und langfristig zu begeistern.

Positive Markenwahrnehmung

Eine barrierefreie Website signalisiert Ihr Engagement für Inklusivität und soziale Verantwortung, was das Vertrauen Ihrer Kunden stärkt.

Beispiele: Neben Großkonzernen wie Apple und Microsoft zeigen auch viele kleinere Unternehmen ihr Engagement für digitale Inklusion. So bemüht sich das Berliner Start-up Einhorn, seine Online-Shops barrierefrei, mit klaren Strukturen und verständlichen Inhalten zu gestalten.

Verbesserte Benutzererfahrung durch Barrierefreiheit

Durch eine konsequent barrierefreie Gestaltung wird die Benutzererfahrung auf Ihrer Website für alle Nutzer deutlich verbessert. Dank einfacher Handhabung, klarer Strukturen und verständlicher Inhalte fühlen sich Besucher gut aufgehoben. Dies führt zu einer höheren Zufriedenheit, längeren Verweildauer und letztlich mehr Conversions.

Beispiel: Eine Website mit intuitiver Navigation und klar strukturierten, leicht verständlichen Inhalten bietet allen Nutzern ein angenehmes Surferlebnis. Ob ältere Besucher, die sich rasch zurechtfinden, oder berufstätige Eltern, die unter Zeitdruck Informationen effizient aufnehmen können – einfache Bedienbarkeit und Verständlichkeit erhöhen deutlich die Freude am Lesen und Stöbern.

Eine inklusive Websitekonzeption ist die Basis für eine optimale User Experience über alle Zielgruppen hinweg – mit messbaren positiven Auswirkungen auf Nutzerbindung und Conversions.

Barrierefreiheit für mehr Reichweite und ROI

Barrierefreiheit ist nicht nur ein Gebot der Fairness, sondern auch eine kluge Geschäftsentscheidung. Eine inklusive Websitegestaltung erschließt neue Zielgruppen, verbessert die Auffindbarkeit und steigert nachweislich die Online-Reichweite sowie den Return on Investment (ROI).

Beispiel: Die Legal & General Group erlebte nach der Implementierung von Barrierefreiheitsmaßnahmen eine signifikante Steigerung der Besucherzahlen und Conversion-Raten. Innerhalb von 24 Stunden stieg der Traffic aus Suchmaschinen um 25%, und ihre Conversion-Rate verdoppelte sich innerhalb der ersten drei Monate (Telerik.com).

Eine Studie von Forrester Research im Auftrag von Microsoft ergab, dass die Integration von Barrierefreiheit in bestehende Entwicklungszyklen zu Kosteneinsparungen und höherer Kundenzufriedenheit führt. Barrierefreie Designs verbessern die allgemeine Benutzerfreundlichkeit und Kundenbindung, was letztlich zu einem positiven ROI beiträgt (W3C).

Darüber hinaus zeigt eine Untersuchung von Silktide, dass Websites, die für Barrierefreiheit optimiert sind, nicht nur rechtliche Risiken minimieren, sondern auch erhebliche kommerzielle Vorteile bieten. Die Kaufkraft von Familien mit mindestens einer behinderten Person in Großbritannien wird beispielsweise auf jährlich 274 Milliarden Pfund geschätzt. Zugängliche Websites können diese Kundengruppe effektiver erreichen und somit ihre Marktchancen erheblich verbessern (Silktide).

Inklusion zahlt sich sowohl aus Sicht der Nutzerfreundlichkeit als auch unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten aus. Unternehmen, die auf Barrierefreiheit setzen, stärken zudem ihr positives Image als verantwortungsbewusste und zukunftsorientierte Organisation.

Unternehmen und Organisationen, die für barrierefreie Websites bekannt sind

In Deutschland gibt es mehrere Unternehmen und Organisationen, die für ihre barrierefreien Websites bekannt sind. Hier sind einige herausragende Beispiele:

  1. Aktion Mensch: Die Website von Aktion Mensch ist ein Vorzeigebeispiel für Barrierefreiheit im Internet. Sie bietet umfangreiche Funktionen wie eine Vorlesefunktion, Gebärdensprachvideos und eine klare, einfache Navigation. Aktion Mensch setzt sich aktiv für Inklusion und Barrierefreiheit ein und spiegelt dies auch auf ihrer Website wider. Darüber hinaus stellt die Organisation Informationen und Ressourcen zum Thema Barrierefreiheit bereit, um andere bei der Umsetzung zu unterstützen.
  2. Deutsche Bahn: Die Deutsche Bahn hat erhebliche Anstrengungen unternommen, um ihre Website barrierefrei zu gestalten. Sie bietet barrierefreie Buchungsoptionen, klare und verständliche Informationen sowie Unterstützung für Screenreader.
  3. ARD: Die ARD-Website ist konsequent auf Barrierefreiheit ausgerichtet und bietet Funktionen wie Untertitel für Videos, Audiodeskriptionen und eine benutzerfreundliche Struktur, die den Zugang zu Informationen für alle Nutzer erleichtert. Zusätzlich stellt die ARD für ausgewählte Sendungen und Nachrichtenbeiträge Gebärdensprachvideos zur Verfügung.
  4. Otto: Der Online-Shop von Otto ist ein weiteres Beispiel für eine barrierefreie Website. Otto hat viel in die Barrierefreiheit seiner E-Commerce-Plattform investiert, um sicherzustellen, dass alle Nutzer problemlos einkaufen können. Dies umfasst eine klare Navigation, kontrastreiche Farben und Unterstützung für Screenreader.
  5. REWE: Die Website von REWE ist ebenfalls für ihre Bemühungen um Barrierefreiheit bekannt. Sie bietet Funktionen wie eine einfache Navigation, kontrastreiche Farben und eine gute Unterstützung für Screenreader, um den Zugang zu ihren Online-Diensten für alle Nutzer zu gewährleisten.
  6. Bundesregierung: Die Website der Bundesregierung (bundesregierung.de) ist ein Vorbild für Barrierefreiheit im öffentlichen Sektor. Sie bietet Funktionen wie Leichte Sprache, Gebärdensprachvideos und eine übersichtliche Struktur, um allen Bürgern den Zugang zu wichtigen Informationen und Dienstleistungen zu ermöglichen.

Diese Beispiele zeigen, dass Barrierefreiheit in verschiedenen Branchen und Bereichen erfolgreich umgesetzt werden kann. Sie dienen als Inspiration und Orientierung für andere Unternehmen und Organisationen, die ihre Websites inklusiver und zugänglicher gestalten möchten.

Rechtliche Vorgaben und Richtlinien für barrierefreie Websites

Neben den ethischen und wirtschaftlichen Gründen für die Umsetzung von Barrierefreiheit im Web gibt es auch rechtliche Vorgaben und Richtlinien, die Unternehmen und Organisationen beachten müssen.

In Deutschland wird die Barrierefreiheit von Websites und mobilen Anwendungen durch das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) und das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) geregelt. Das BGG verpflichtet Träger öffentlicher Gewalt, ihre digitalen Angebote barrierefrei zu gestalten. Das BFSG, das am 28. Juni 2025 in Kraft tritt, erweitert diese Anforderungen auf eine Vielzahl von Produkten und Dienstleistungen im privaten Sektor.

Für die technische Umsetzung von Barrierefreiheit im Web sind die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) der W3C (World Wide Web Consortium) maßgeblich. Die Berücksichtigung der rechtlichen Vorgaben und die Umsetzung der WCAG-Richtlinien bieten klare Vorteile für Websitebetreiber und ihre Nutzer, indem sie die Zugänglichkeit, Benutzerfreundlichkeit und Suchmaschinenoptimierung verbessern.

Einen detaillierten Überblick über die rechtlichen Aspekte der digitalen Barrierefreiheit, einschließlich der spezifischen Anforderungen des BFSG, der Ausnahmen für kleine Unternehmen und der Umsetzungsfristen, erläutern wir demnächst in einem Folgeartikel.

Fazit: Barrierefreiheit als Chance für ein inklusives Web

Barrierefreiheit im Web ist mehr als nur die Erfüllung rechtlicher Vorgaben. Sie ist eine Chance, das volle Potenzial des digitalen Raums auszuschöpfen und ein Web zu gestalten, das wirklich alle Menschen einbezieht und ihnen gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht.

Durch die Umsetzung barrierefreier Websites und Anwendungen profitieren Unternehmen von erweiterten Zielgruppen, höherer Nutzerzufriedenheit und besserer Suchmaschinenoptimierung. Vor allem aber leisten sie einen wertvollen Beitrag zu einer inklusiveren Gesellschaft.

Es ist an der Zeit, dass wir die Bedeutung der digitalen Barrierefreiheit erkennen und sie konsequent in die Praxis umsetzen. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, Barrieren abzubauen und ein Web zu gestalten, das die Vielfalt der Menschen widerspiegelt und wertschätzt. Denn letztendlich profitieren wir alle von einem Internet, das niemanden ausschließt und jedem die Möglichkeit gibt, sein volles Potenzial zu entfalten.